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  Konflikte am Arbeitsplatz und Mobbling  
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Mobbing- Kampf um die Jobs mit allen Tricks


    Von Andreas Albes und Jens Neumann (F otos)

    Burkhard Werner steht in seinem zehn Quadratmeter großen Zimmer und blickt
    auf den grauen Linoleumboden. „Früher, sagt er, „war mein Büro dreimal so groß. Mit Teppich. Und ein Vorzimmer hatte ich auch. Manchmal vermisse ich das schon. "Aber Burkhard Werner ist bescheiden geworden. Heute fühlt er sich glücklich, wenn er nicht mitten in der Nacht aufgewacht ist, schweißnass, den Kopf voller Ängste. „Seit ich eine neue Aufgabe habe,  geht's aufwärts. Es ist ein gutes
    Gefühl, wieder gebraucht zu werden."

    Kurz vor dem Jahrtausendwechsel wurde Burkhard Werner zum Betriebsrat gewählt. In seinem Amt will er Kollegen helfen, die schikaniert und gedemütigt, gegängelt und terrorisiert werden. Was ihn dafür qualifiziert? „Na ja, das Leben", sagt er. Alles, was einem Arbeitnehmer so passieren kann, habe ich ja durchgemacht. Wenn ich jetzt solche Fälle von anderen auf den Schreibtisch bekomme, bin ich froh, dass ich's so langsam überstanden habe. Wer Mobbing
    nicht am eigenem Leib erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, was das in  einem Menschen anrichtet".

    Früher dachte Burkhard Werner anders. Mobbing - das war nicht sein Problem.
    Das traf nur schwache Typen, Querulanten, Versager. Nicht ihn, den erfolgreichen Elektroingenieur, Abteilungsleiter bei der Telekom, der 120 000 Mark im Jahr verdient und die Verantwortung für 44 Leute trägt. Es gab damals zwar diese Gerüchte, dass durch die Privatisierung „einige Kollegen rausgeekelt werden sollten". Aber die nahm man eben nicht so ernst in einem 28­ Quadratmeter-Büro mit Vorzimmer. Bis zu jenem 9.Januar 1995...
    Burkhard Werner kann sich noch genau erinnern, wie ihm die Empfangsdame nicht einmal in die Augen schauen konnte, als er ihr ein frohes neues Jahr wünschte.
    Es war der erste Arbeitstag nach den Ferien. Werner, damals Chef der internen Service-Abteilung bei DeTe-Mobil in Bonn, ging durch den Flur im Erdgeschoss zu seinem Büro. Dritte Tür links. Ungewöhnlich, dachte er beim Öffnen, gar nicht abgeschlossen. Und dann entfuhr ihm nur." Was ist denn hier los?" An seinem Schreibtisch saß ein anderer. Ein Kollege. Werner sah sich um. Seine Akten, seine Bücher, sogar die Bilder von seiner Frau und seinem Sohn - alles weg. „Frohes Neues", grüßte der Kollege. „Sie müssen in ein anderes Büro umziehen. Entscheidung der Geschäftsführung". Werners Sache standen in Kartons verpackt vor dem  Notausgang.
    Er war seinen Chefposten los. Aber das merkte er so schnell gar nicht. „ Ich dachte, das kann nur ein Missverständnis sein." Zunächst wurde Werner in die Außenstelle Bonn­Beuel abgeschoben. Sein neues Büro war zwar genauso groß wie das alte, aber er musste es mit zwei Kollegen teilen. Seine Aufgaben bestanden künftig darin, Inventurlisten „über den technischen Besitzstand" zu führen. "Eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme", sagt Werner. „ Da wusste ich, die wollen dich loswerden. Trotzdem hatte ich noch Hoffnung, dass  ich um meinen alten Job kämpfen kann."
    K EINE C H A N C E. Die Telekom blieb hart. Ein Unternehmensberater und Experte für Privatisierungen bescheinigte ihm: "Die Gesamtschau der fachlichen und persönlichen Defizite haben uns zu der Beurteilung gebracht, dass Sie für eine Leiterposition nicht in  Betracht kommen. Ich habe Verständnis dafür, dass Sie diese Einschätzung nicht teilen." Auf Betriebsversammlungen wurde Werner öffentlich als unfähig hingestellt. Langsam begannen auch alte Kollegen, gegen ihn zu intrigieren. Einige verfassten sogar Gesprächsprotokolle von privaten Unterhaltungen und leiteten sie an die Geschäftsführung weiter.
    Am Jahresende wurde Werner nach Düsseldorf versetzt. Er wehrte sich nicht. „Die haben mich in ein Büro gesetzt, in dem standen ein Stuhl und ein Schreibtisch. Sonst nichts. Kein Computer, kein Fax, nicht mal ein Telefon. Aber am schlimmsten war, dass mir niemand mehr Aufträge gab." Das Nichtstun machte Werner krank. Er bekam Magenschmerzen und Durchfall, schlief kaum noch und hatte Depressionen. Kündigen? Kam nicht in Frage. „Ich  wollte doch nicht 25 Jahre Pensionsanspruch verschenken."
    1997 wurde Werner fristlos gefeuert. Ein Kollege hatte protokolliert, wie er ziemlich derb über die Telekom hergezogen war. Gegen die Kündigung zog Werner vor Gericht. Ohne Erfolg. Er schrieb an Minister, den Bundeskanzler, selbst den damaligen Bundespräsidenten. Der riet ihm, zum Sozialamt zu gehen. Neun Monate war Werner arbeitslos. Dann bekam er eine Stelle als EDV – Berater bei der Post. Ein lausiger Job für seine Qualifikation. Und er verdient nur halb so viel wie früher. „Aber immerhin habe ich es in den Betriebsrat geschafft und muss nicht mehr tatenlos zusehen, wenn Kollegen schikaniert werden." Allein die  ständigen Magenschmerzen, sagt er, sei er immer noch nicht los.

    „Posttraumatisches Belastungssyndrom" nennen Mediziner die psychosomatischen Folgen seelischer Schocks. Eine typische Krankheit vom Mobbing – Opfern. „Die ersten Symptome sind Depressionen und vor allem Schlafschwierigkeiten", sagt Lothar Drat, Geschäftsführer des Vereins gegen psychosozialen Stress und Mobbing (VPSM). „Sie wachen mitten in der Nacht auf, und Ihre Sorgen sind so präsent, dass Sie nicht mehr einschlafen können. Bald passiert das jede Nacht.
    Und irgendwann finden Sie gar nicht mehr in den Schlaf." Ein Teufelskreis: Wer übermüdet ist, macht Fehler und wird noch häufiger schikaniert. So lange, bis Angststörungen auftreten. Manches Opfer bekommt schon Schweißausbrüche, wenn nur  das Telefon klingelt.


    MOBBING IST EINE VOLKSSEUCHE

    Laut Gewerkschaftsstudien waren in Deutschland anderthalb der 35 Millionen Beschäftigten  schon mal Ziel von Mobbing Attacken.

    Die Fälle nehmen zu. Und es kann jeden treffen: Frauen wie Männer und immer häufiger Führungskräfte. Sie machen 16 Prozent der Opfer aus. Ein deutliches Zeichen für den immer härter werdenden Konkurrenzkampf, der in deutschen Unternehmen herrscht. ... Vier Millionen Arbeitslose und die Befürchtung, dass
    auch die Schröder-Regierung das Problem nicht lösen wird, da klammert sich
    jeder an seinen Job – oder an den des Kollegen. Und das Bewusstsein wächst,
    auf dem Arbeitsmarkt kann nur überleben, wer mit harten Bandagen  kämpft. ... "Die Hemmschwelle dafür, was die Menschen anderen antun, sinkt."

    Dass Mobbing so gravierende Folgen für die Gesundheit hat, liegt an der Ausweglosigkeit und Ohnmacht, die gemobbte Menschen empfinden. Denn sie werden in der Regel nicht ernst genommen. Die Intrigen sind selten offensichtlich. „Mobber sind (wie) Heckenschützen und gehen subtil vor", sagt Drat.
    Gespräche verstummen, betritt das Opfer den Raum. Es wird bei der Einladung
    zur Weihnachtsfeier einfach vergessen oder am Schreibtisch sitzen gelassen,
    wenn alle gemeinsam in die Kantine gehen. „Der einzelne Zwischenfall ist
    harmlos. Passiert es immer wieder, wird es zur Tortur", erklärt Sozialpädagoge
    Drat "Richtig gefährlich ist die Situation, wenn sich die Opfer an ihren Chef oder Betriebsrat wenden und dann Sätze hören wie: Übertreiben Sie da nicht?"
    Oder "Meinen Sie nicht, dass Sie daran selber schuld sind?"

    Auch Michaela R., Leiterin eines Kindergartens bei Frankfurt/M., musste sich solche Sprüche anhören: „Ich redete mir irgendwann selbst ein, dass ich 'ne Macke habe." Sie wurde nach mehr als 20 Dienstjahren aus dem Job getrieben. Alles hatte damit angefangen, dass  eine neue Erzieherin eingestellt wurde. Ich glaube, die war scharf auf meine Stelle. Auf einmal wurde ich von Teambesprechungen ausgeschlossen. Die alten Kolleginnen, mit denen ich viele Jahre gut zusammengearbeitet hatte, grinsten nicht mehr. sogar die Kinder nahmen mich irgendwann nicht mehr ernst. Aber beschweren Sie sich darüber mal bei Ihren Vorgesetzten." Zuletzt war Michaela R. mit den Nerven so am Ende, dass sie  ...


    NEID VON KOLLEGEN,


    Rationalisierungsmaßnahmen oder einfach ein mieses Betriebsklima, in dem ausgewählte Sündenböcke als Blitzableiter für den Frust von Chefs und Kollegen herhalten müssen – das sind die häufigsten Auslöser von Mobbing-Kampagnen. Aber nicht die Ursachen. Die sehen Wissenschaftler im „wachsenden Veränderungsdruck, der auf den Arbeitnehmern laste. ... In modernen Betrieben wird ständig umstrukturiert. Die Managementkonzepte erfordern hohe Flexibilität von den Menschen, bieten aber immer weniger Sicherheiten. Das bedeutet Stress, der ideale Nährboden für Mobbing." Die Folgen für die Wirtschaft sind fatal. ...
    Etwa bei der ÖTV Franfurt/Oder. Seit einem Jahr ist der dortige ehemalige Geschäftsführer in psychotherapeutischer Behandlung, Günter Geuking, 38, fühlt sich vom Bezirksleiter gemobbt, der über ihn sagt: „Dem Günter fehlt die soziale Kompetenz für eine Führungsposition." Geuking: "Als ich mich weigerte, meinen Posten abzugeben, gingen die Schikanen los. Ich musste Stellungnahmen zu drei Jahre alten Fahrtenbüchern schreiben. Gerüchte über angebliche Drogensucht machten die Runde." Der Höhepunkt sei ein Protokoll angeblicher Fehlleistungen gewesen, dass dem ÖTV-Personalleiter übergeben wurde. „Da  waren über einen Zeitraum von zwei Jahren 28 Punkte haarklein nach Datum aufgeführt."
    Der Bezirksleiter ("Wer mobbt hier wen?") bestreitet die Existenz des Protokolls nicht: „Ich habe mir immer eine Notiz im Kalender gemacht, wenn sich jemand beschwert hat." Geuking hat die Geschäftsführung inzwischen aus gesundheitlichen Gründen abgegeben. Er hätte die ÖTV längst ganz verlassen, wäre da nicht die Angst vor Arbeitslosigkeit: „Wer nimmt schon einen Ex-Gewerkschaftsfunktionär?' Einfach hinschmeißen und kündigen, das  war früher noch eine Fluchtmöglichkeit für Mobbing-Opfer. Angesichts der Arbeitsmarktsituation ist dieser Ausweg versperrt.

    An den Krankenhäusern, wo der Kostendruck immer größer und die Stellen immer knapper werden, geht es besonders rüde zu, Mediziner sind siebenmal häufiger Mobbing ausgesetzt als der Durchschnitt der Arbeitnehmer. In Hannover machte ein Chefarzt Schlagzeilen, weil er seinen Assistenten regelmäßig ohrfeigte. In Köln wurde eine Ärztin während des Bereitschaftsdienstes mit K.-O.-Tropfen betäubt. Und schon Medizinstudenten lernen, was „Witwenverbrennung" ist: Wenn ein Chefarzt in Pension geht, bleibt meist sein  Vertreter, die „Witwe", in der Klinik.
    Und die wird gerne weggemobbt.

    Nach einer Studie der Personalberatungsfirma Kienbaum sind 60 Prozent der deutschen Führungskräfte neurotisch gestört Zapf: „Viele schikanieren ihre Untergebenen aus Mangel  an Selbstbewusstsein. Sie fühlen sich von starken Mitarbeitern bedroht." ...

    Denn Mobbing-Opfer sind in der Regel keineswegs Faulpelze oder Drückeberger. „Es sind (häufig) Mitarbeiter, die sich jeder Chef theoretisch wünscht", sagt
    Lothar Drat „Typische Opfer identifizieren sich mit dem Betrieb, sind fleißig und kreativ." Durch ihre Beflissenheit schließen sie sich (u.U.) aber von der Gemeinschaft aus. Drat: „Diese Entwicklung erkennen Mobbing-Opfer (oft)
    zu spät. Sie wiegen sich wegen ihrer Leistungen in Sicherheit und ignorieren
    die (Früh-) Signale  drohender Konflikte."

    Uda K., Sekretärin am Arbeitsgericht in Pforzheim, beherrscht ihren Job geradezu meisterhaft: Rank 15 bei der Weltmeisterschaft im Stenografieren und Tippen.
    Ihr Mobbing- Schicksal begann damit, dass sie den Text eines sehr unsicheren Richters ungefragt korrigierte. Wie gedemütigt der sich dadurch fühlte, bemerkte die selbstbewusste Frau gar nicht. Auch nicht, als der Jurist im Kollegenkreis schimpfte und andere Sekretärinnen begannen, Uda K. zu schneiden. Als der Richter Monate später eine zwölfseitige Beschwerde über Uda K. an den Direktor schickte, war es für Schlichtungsversuche längst zu spät.


    DER LÄCHERLICHE KONFLIKT


    eskalierte. Uda K. wurde der Sabotage beschuldigt Sie soll am Computer manipuliert haben. Man nahm ihr den PC und die Büroschlüssel weg. Sie zog mehrfach vors Arbeitsgericht. Jetzt will ihr Chef sie zum Gesundheitstest schicken. Ihr Verhalten deute „auf das Vorhandensein psychischer Störungen" hin. Unter
    den Kollegen ist die 58-Jährige inzwischen isoliert. Den Job (Teilzeit für 1000 Mark netto) hat Uda K. finanziell eigentlich gar nicht nötig. Ihr Mann verdient gut als Marketing-Manager. Doch aufgeben würde sie nie: „Mir geht es um die  Gerechtigkeit."

    „Es gibt Mobbing-Opfer, die leben nur noch dafür, sich zu rehabilitieren", sagt Stressforscher Zapf. „Die haben ihr Schicksal zum Beruf gemacht und stürzen sich oft noch mehr in Unglück." Einige verlieren Freunde und Familie. In Stuttgart lief wochenlang ein Mann mit einem Sandwich-Plakat durch die Stadt: „Mein Betrieb
    hat mich kaputtgemacht." Seit dieser Aktion (es war ein Akt, den er ständig wiederholte) will die Verwandtschaft nichts mehr mit ihm zu tun haben.  Die meisten Betroffenen leiden jedoch im Stillen. Sie kündigen innerlich, kapseln sich
    ein und arbeiten nur das Nötigste, um nicht aufzufallen und bloß keine Fehler zu machen. Die Rechnung geht kaum auf. Wer einmal als Opfer ausgeguckt ist, bleibt es. Gerade, wenn im Kollegenkreis gemobbt wird. „Das ist häufig in Organisationen der Fall, wo hoher Korpsgeist herrscht", erklärt Zapf. „Wer den Eindruck erweckt, nicht richtig dazuzugehören, wird schnell  als Nestbeschmutzer abgestempelt."
     Dieses Schicksal trifft viele Frauen bei der Polizei. Dass sie immer öfter auspacken, hat ihren Ruf in der Männerdomäne nicht gerade verbessert. Jetzt gilt erst recht: „Frauen machen nur Ärger." Die Quälereien sind an Gemeinheit kaum zu überbieten. Einer Sekretärin des Münchner Sondereinsatzkommandos hatten Kollegen den Telefonhörer mit Silbernitrat eingerieben. Die Substanz wird zum Präparieren von Geldscheinen benutzt. Wer sie berührt, dessen Finger werden verätzt und färben sich schwarz. Die Sekretärin bekam schwarze  Ohren – und erstattete Anzeige.
     Silke F., Kripobeamtin aus Hessen, wurde von ihren Kollegen so drangsaliert,
    dass sie sich versetzen ließ und jetzt lieber 100 Kilometer zur neuen Dienststelle fährt. Vorher war die 27-Jährige im Rauschgiftdezernat. Eigentlich ihr Traumjob,
    den sie nur wegen hervorragender Beurteilungen bekommen hatte. Als die Kollegen erfuhren, dass Silkes Beziehung gerade beendet war, gab's sofort eindeutige Angebote. „Auch von Familienvätern", erzählt die attraktive Blondine. „An einem Tag lagen fünf Zettel mit Telefonnummern auf meinem Schreibtisch.
    Die habe ich in den Papierkorb geworfen. Da war ich unten durch. Der Terror ging so weit, dass mein neuer Freund anonyme Anrufe bekam: „Was willst du eigentlich mit  der Schlampe? Die liegt mit einem anderen Kerl im Bett."
     Jede vierte Polizistin fühlt sich von Kollegen oder Vorgesetzten angemacht, hat eine Studie in Nordrhein-Westfalen ergeben. Die Mehrzahl der männlichen Beamten meint zwar, sexuelle Belästigung sei Machtmissbrauch, im Alltag schlägt sich diese Auffassung aber offenbar nicht nieder. Ein Inspektionsleiter aus Lindau gab vor versammelter Mannschaft folgenden Tipp zum Umgang mit einer Beamtin: „Sollte das Huhn gegen einen Streifenkollegen aufmucken, so sollte dieser wortlos ein Lineal von mindestens 30 Zentimeter  Länge ergreifen und dem Huhn ordentlich eine auf die Brezel verpassen."

    EINE CHANCE,
     in Ruhe gelassen zu werden, haben vor allem Frauen, die schon beim ersten sexuellen  Übergriff verbal oder körperlich zurückschlagen. Das ergab die Untersuchung in NRW. Die Belästigungen öffentlich zu machen bringt hingegen wenig: während nur in acht Prozent der Fälle disziplinarische Maßnahmen gegen die Täter eingeleitet werden, beklagt ein Viertel der  betroffenen Frauen hinterher berufliche Nachteile. Im Februar erschoss sich eine 22-jährige Polizistin aus München, weil sie den Terror nicht mehr aushielt.

    „Mobbing ist der Grund für jeden sechsten Suizid", sagt VPSM-Chef Drat. In Pfullingen nahm sich kürzlich ein 33-jähriger Filialleiter das Leben. Ihm war gekündigt worden, weil er von seinem Dienstapparat Sex-Hotlines angerufen haben soll. In seinem Abschiedsbrief beteuerte der Mann, dass er nie eine
    0190-Nummer gewählt habe.
     
    Rufmordkampagnen gehören zu den schlimmsten Mobbing Varianten. Sie beginnen meistens harmlos („Ach, der Mayer, trinkt ja auch ganz gern mal einen") und rollen dann wie  eine Lawine über die Opfer hinweg. ...  Es ist oft so, dass Unternehmen eher versuchen, die Opfer loszuwerden, als die Täter", sagt der Frankfurter Professor Dieter Zapf.  ...  Ansonsten haben es Betroffene schwer, professionelle Hilfe zu finden. Zwar sind Beratungsstellen in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Darunter gibt es aber viele schwarze Schafe.
    „Vorsicht bei einzelnen Beraterm ohne (fundierte pschologische / pädagogische) Ausbildung", warnt Drat. „Da wollen sich manche nur eine goldene Nase verdienen. Die verlangen 130 Mark fürs Gespräch und geben dann den Tipp: Drohen Sie, vor Gericht zu ziehen. Das lässt die Chance auf eine einvernehmliche Konfliktlösung gen Null tendieren." Juristischen Beistand zu finden ist außerdem gar nicht leicht. Drat: „Erfahrene Anwälte schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ein Mobbing-Opfer in der Kanzlei steht." Mit solchen Klienten lässt sich kaum etwas verdienen und erst recht nichts gewinnen. Wo kann man schon Zeugen
    auftreiben, die gegen ihre eigene Kollegen aussagen? Oder gegen den Chef? Trotzdem werden in sieben von zehn Fällen Anwälte eingeschaltet. Zum
    Leidwesen der Richter, die in den verfahrenen Situation kaum entscheiden
    können, ob  tatsächlich Mobbing vorliegt. ...


    EXPERTENRAT

    Konflikte direkt ansprechen

    Wie schützt man sich vor Kampagnen?
    Was tun, wenn man zur Zielscheibe von Intriganten wird?


    Wer ein inneres Frühwarnsystem entwickelt, schützt sich am besten vor Mobbing. Neuer Chef, neue Kollegen, geänderte Arbeitsabläufe – vor allem dann ist Sensibilität gefragt. Das Umfeld genau beobachten und darauf achten, wo und mit wem sich ein Konflikt entwickeln könnte. „Ein normaler Streit mit einem Kollegen sollte sich spätestens nach der dritten Woche erledigt haben", sagt Lothar Drat vom Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing (VPSM). „Wenn es dann noch weitere Anfeindungen gibt, ist die Frage, ob zielgerichtet und  systematisch vorgegangen wird."

    Ist das der Fall, könnte eine Mobbing-Kampagne in Gang kommen. Am besten den Initiator so früh wie möglich direkt ansprechen. Ruhig, aber bestimmt: „Warum
    hast du was gegen mich?" Sind die Fronten schon so verhärtet, dass es dafür zu spät ist, zum Vorgesetzten oder zum Betriebsrat gehen. Die können schlichten. Wichtig ist, auch wenn es schwer fällt, das Thema sachlich zu diskutieren. Opfer, die dazu nicht mehr in der Lage sind, geraten schnell in den Ruf, Querulanten zu sein. Und dann hat der Mobber meistens schon  gewonnen.

    Ein Mobbing-Tagebuch (insbesondere die Zusammenfassung desselben auf ca. 2 Seiten) hilft dabei, sachlich zu bleiben: jede Stichelei und Schikane protokollieren. „Außerdem sollte man so früh wie möglich eine Beratungsstelle aufsuchen rät Lothar Drat. „Der Berater muss sich ja nicht gleich in den Prozess einschalten. Aber man braucht unbedingt einen Dritten, der die Situation und das eigene Verhalten von außen bewerten kann."

    Vorsicht bei Beratern, die selbst einmal Opfer waren und das Erlittene nie  richtig aufgearbeitet haben. Sie hetzen ihre Klienten oft nur unnötig auf.

      VPSM verlangt 54 Mark für eine Konsultation. Preise in dieser Größenordnung sind üblich bei seriösen Beratungsstellen. Dort erfährt man auch die Adressen von (weiteren) Psychologen und Anwälten, die auf Mobbing-Fälle spezialisiert sind. Landet ein Mobbing-Fall erst einmal vor Gericht, ist es für eine Schlichtung längst zu spät.

    Drat: „Vergleichen Sie es mit einer  Ehescheidung: Sobald die Anwälte aufeinander losgehen, fängt der Krach erst richtig an."

    Wer seit einem halben Jahr regelmäßig schikaniert wird und deshalb permanent
    an Kopf und Magenschmerzen, Schlaflosigkeit oder gar Depressionen leidet, ist eindeutig Opfer einer Mobbing-Kampagne. In diesem Stadium ist es selten, dass ein Betroffener wieder ins alte Umfeld integriert werden kann. Wenn möglich,
    sollte er die Abteilung oder gar den Betrieb wechseln. Unnötiges Durchhalten schadet nur der Gesundheit. Jetzt muss mit dem Arbeitsgeber verhandelt werden. Dabei sind Mobbing-Berater eine wichtige Unterstützung. „Denn es kommt auf die Bedingungen an, zu denen jemand die Abteilung wechselt oder den Betrieb verlässt", sagt Lothar Drat. „Wichtig ist, dass eine Lösung gefunden wird, mit
    der alle  leben können."


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