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In der Krise hat strategisches Mobbing Konjunktur

Kontrollen, Drohungen, Beleidigungen: Um in der Krise teures Personal
loszuwerden, betreiben manche Chefs strategisches Mobbing gegen
ältere und behinderte Mitarbeiter. Einige Beispiele.


Von Sebastian Schwarz
(Weglassungen / Einschübe von Lothar Drat)

Worte können schwerer verletzen als Schläge und einen Menschen sogar auf Dauer arbeitsunfähig machen. An seinem Arbeitsplatz hat Rainer Bode (Name geändert)
das am eigenen Leib erfahren - durch Mobbing aus der Chefetage. Schikanen und psychologischer Druck haben bei ihm Angstzustände und posttraumatische Belastungsstörungen ausgelöst, von denen er sich trotz psychotherapeutischer Behandlung bis heute nicht befreit hat. Rainer Bode ist Ende fünfzig, verheiratet und wohnt in der Rhein-Main-Region. Er gehört zu der Altersgruppe, für die Jobverlust
und Arbeitsunfähigkeit besonders problematisch sind.

„Das Papier, auf dem Sie mir Ihre Arbeiten geben, hat für mich den gleichen Wert wie Scheißhauspapier! Ich werde Sie auf Kurzarbeit setzen, Ihren Job werden andere für
Sie machen!“ Seit Ende 2008 hörte Bode nach eigenen Angaben solche Sätze fast
täglich von seinem Chef. Seit 19 Jahren arbeitete er schon mit diesem Vorgesetzten,
dem Inhaber eines kleinen Betriebes. Die plötzlichen Anfeindungen konnte er sich nicht erklären, wie er sagt. Bisher war der kaufmännische Angestellte für seine Arbeit von Kunden und Kollegen immer geschätzt worden. Zunächst hielt er den Angriffen und Drohungen seines Chefs, die immer nur unter vier Augen vorkamen, stand. Schließlich begann er sich vor ihnen zu fürchten und wurde krank, wie er weiter berichtet.

„Strategisches Mobbing“ oder auch „Bossing“

Das, was Bode an seinem Arbeitsplatz widerfahren ist, nennt Lothar Drat,
Sozialpädagoge und Leiter des Vereins gegen psychosozialen Stress und Mobbing (VPSM), „strategisches Mobbing“ oder auch „Bossing“. Das Besondere dabei sei,
dass der Terror nicht von gleichgestellten Kollegen ausgehe, sondern direkt aus
der Führungsetage komme.

Viele Arbeitnehmer in Deutschland erlebten Ähnliches wie sein Klient Rainer Bode,
den er seit Oktober vergangenen Jahres betreut, sagt Drat. Mit einem Team aus Pädagogen, Psychologen und Anwälten berät er im VPSM derzeit mehr als 140 Mobbingopfer in seiner Wiesbadener Geschäftsstelle. Unter anderem fertigt er
mit den Klienten „Prozessberichte“ über deren Erlebnisse an, die dann mit der
Bitte um Stellungnahme
(falsch) entweder an die zuständige Personalabteilung,
den Chef oder den Betriebsrat geschickt werden.
(Im Vordergrund steht hier das Angebot von Schlichtung, Vermittlung, Mediation
durch den VPSM-Fachverbund)

Drat kennt etliche Fälle, in denen gezielt gegen ältere oder körperlich beeinträchtigte Mitarbeiter vorgegangen wurde. Vor allem bei diesen beiden Gruppen sei strategisches Mobbing ein gängiges Mittel geworden, um Personal abzubauen. Wer auf diesem Weg langjährige Mitarbeiter rausekele, könne sich mitunter die Abfindung ersparen. Den Anteil älterer Arbeitnehmer unter den Mobbingopfern schätzt Drat auf rund zehn Prozent (falsch,
er ist wesentlich höher) seit Beginn der Wirtschaftskrise sei er stark gestiegen. Diese Beobachtung teilen zahlreiche Juristen, Psychologen und Sozialpädagogen. Die wirtschaftlichen Gründe, warum Unternehmen gerade gegen langjährige, ältere Mitarbeiter vorgingen, lägen auf der Hand: Ihre Arbeitsverträge seien meist unbefristet und mit einem hohen Kündigungsschutz versehen. Nach einer betrieblichen Kündigung stünden ihnen hohe Abfindungen zu. Teil der gezielten Schikanen seien etwa der Entzug von eigenverantwortlichen Aufgaben, systematische Kontrollen und akribische Fehlersuche.

Ohnmacht, Verunsicherung und Hilflosigkeit

Bevor die Attacken gegen Rainer Bode anfingen, war er in gesundheitlich guter Verfassung. Bis zu seiner Rente wären es nur noch wenige Jahre gewesen. Doch sein Chef hatte andere Vorstellungen: „Sie werden vorher gehen, ohne dass es mich etwas kostet“, lautete Bode zufolge dessen Ziel, das er nun erreicht hat: Denn seit August 2009 ist Bode krankgeschrieben und arbeitsunfähig - eine Rückkehr in den Betrieb ist ungewiss.

Oft steckten mangelnde Führungs- und Organisationskompetenzen hinter einem Angriff aus der Chefetage, sagen Arbeitspsychologen wie Gerlinde Kaul von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Lothar Drat kann dem nur zustimmen: „Führungskräfte geben auf diese Weise ihr Gefühl von Ohnmacht, Verunsicherung und Hilflosigkeit an ihre Mitarbeiter weiter.“ Die Folgen der Wirtschaftskrise hätten diesen Effekt weiter verstärkt. Kosten- und Leistungsdruck seien in vielen Unternehmen gestiegen, ebenso wie die Unzufriedenheit.

...

„Mobbingopfer schwer geschädigt, bevor sie sich Hilfe holen“

„Arbeitnehmer sollten, wenn sie diskriminiert werden, dies ihrem Vorgesetzten umgehend schriftlich mitteilen und um Abhilfe bitten“, sagt Stark. Doch den meisten fehlten zu einem solchen Schritt die nötige Kraft und Distanz, meint Drat. Je stärker Mitarbeiter in ihrem Unternehmen verwurzelt seien und sich mit ihrer ganzen Arbeitskraft einbrächten, desto härter träfen sie oft derartige Anfeindungen. Das perfide Spiel werde so lange fortgesetzt, bis sie arbeitsunfähig seien oder von selbst kündigten. Doch das tun gerade langjährige Mitarbeiter in der Regel erst einmal nicht. „Das hat zur Folge, dass viele Mobbingopfer schwer geschädigt sind, bevor sie sich Hilfe holen“, sagt Stark.

Drat kann das bestätigen: „Oft sind unsere Klienten völlig aufgelöst, ... so das sie erst psychologisch stabilisiert werden müssen. Die meisten sind wie ausgebrannt und leiden unter Ängsten und psychosomatischen Krankheitssymptomen wie Magen-, Kopf- und Muskelschmerzen, Schlafstörungen, Atembeklemmungen und Schwindel.“ Aber es gibt auch Lichtblicke: Sowohl Krankenkassen als auch Personalleiter großer Unternehmen hätten die Probleme, die Mobbing verursacht, teilweise erkannt und suchten sich selbst Rat.

Unangemeldete Kontrollen des Regionalleiters

Helmut Gahre (Name geändert) hat beide Seiten des strategischen Mobbings erlebt - als Betroffener und als Akteur im Auftrag seines Vorgesetzten. Als Betreiber einer Tankstelle wurde er Anfang 2008 von seinem Gebietsleiter dazu angehalten, Personal abzubauen. Die Person, die es treffen sollte, hatte der Gebietsleiter schon ausgesucht: eine 50 Jahre alte Vollzeitkraft, die aufgrund einer Behinderung nicht alle Tätigkeiten verrichten konnte, aber Kündigungsschutz genoss. Gahre sollte ihr mehr Aufgaben geben, als sie bewältigen konnte, und sie abmahnen, wenn ihr Fehler unterliefen - ihr notfalls Schnaps aus dem Tankstellenladen „unterjubeln“. Die Anordnung seines Chefs befolgte Gahre nicht und geriet so selbst unter Druck: Die unangemeldeten Kontrollen des Regionalleiters häuften sich, und als Gahres Stellvertreter ausschied, wurde der Posten nicht wieder neu besetzt. „Bei dir läuft es doch gut, du brauchst keinen“, hieß es aus der Zentrale. Bis zu 80 Arbeitsstunden musste Gahre in der Woche und an den Wochenenden arbeiten.
Noch heute leidet er an einem Tinnitus, als Folge eines Hörsturzes, den er Ende 2008 erlitt. Für ihn war es das Signal, einen Aufhebungsvertrag zu unterzeichnen.

„Auch Rainer Bode hat sich zurückgezogen“, berichtet Lothar Drat vom VPSM. Bis heute habe er nicht die Kraft gefunden, seinen Chef mit seinem Prozessbericht (oder dem VPSM-
Anschreiben / Schlichtung, Vermittlung, Mediation) zu konfrontieren. Immer noch sei die Angst zu groß, alles könnte dadurch noch schlimmer werden. Teilweise ist es das schon, seine Krankenkasse hat ihm nahegelegt, er solle seinen Fall juristisch lösen: Die Kasse könne die Folgekosten der Arbeitsunfähigkeit nicht allein schultern. Doch vor Gericht stünden die Chancen für Bode schlecht, meint Drat. Denn ihm fehlten die Beweise.

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