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FRANKFURT. In einer Klarsichtfolie stecken ein paar in tiefblaue beschriebene Din-A4-Blätter. Herr Klausen, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, wirft einen kurzen Blick auf die sauber untereinander geordneten Notizen. Jemand, der scharf nachdenkt, bevor er spricht, so der erste Eindruck. Dann beginnt er zu erzählen, wie er am Arbeitsplatz einer großen Bank im Rhein-Mein-Gebiet systematisch gemobbt wird. „Ich fühle mich nicht als Einzelfall“, macht der etwa fünfzig Jahre alte Mann deutlich, der als einer der wenigen Mobbing-Opfer aus der Finanzbranche bereit ist zu reden. Bis vor kurzem hat Klausen, dessen Stimme ruhig und selbstbewußt klingt, noch Personalverantwortung gehabt. Er hat Mitarbeiter eingestellt, wichtige Entscheidungen sind über seinen Schreibtisch gegangen. Einige von denen, die er vorher gefördert habe, lachten ihm jetzt ins Gesicht, seitdem er auf einen Spezialistenposten ohne Sekretärin und Team versetzt worden sei, berichtet der Banker. Ob die Respektlosigkeit an Gerüchten über ihn liege oder nur an mangelndem Rückgrat der Beteiligten, wisse er nicht. Vor einiger Zeit habe seine Bank Umstrukturierungsschritte eingeleitet: „ Ganz langsam und subtil wurde der Druck auf mich erhöht.“ Anfangs seien beispielsweise seine E-Mails erst nach mehrfachen Mahnungen beantwortet worden. Oder der Verteiler habe ihn bei wichtigen Hausmitteilungen „vergessen“. Immer öfter sei er zum Vorgesetzten zitiert und mit Anschuldigungen konfrontiert worden, und zwar stets im Stil „Man sagt...“ Als Grund für die Versetzung habe es lapidar geheißen: Es habe Beschwerden gegeben. „Als ich wissen wollte, wem da etwas an mir nicht gepaßt hat, hat der Chef nur geantwortet: „Das will ich wegen des betriebsinternen Friedens nicht sagen:“ Klausen glaubt zu wissen, was hinter den Manipulationen steckt. Wenn er freiwillig kündige, spare sich die Bank eine - aufgrund seiner langen Betriebszugehörigkeit - beachtliche Abfindung. Der Bank-Mitarbeiter schwankt bei der Beurteilung seiner Situation zwischen rationaler Analyse und Galgenhumor. Mal spricht er von Schachfiguren, die im ungleichen Machtkampf positioniert würden, mal ist seine Stimme voll beißender Ironie, wenn er das Credo seiner Bank wiedergibt: „Bei uns gibt es kein Mobbbing !“. … In ähnlicher Weise gibt es auch bei der Dresdner Bank … Die Deutsche Bank dagegen hat Pressesprecherin Daniela Elvers zufolge in Frankfurt keine speziell ausgebildete Kraft in ihren Reihen. … Als Klausen bemerkte, dass zielgerichtet gegen ihn intrigiert wird, suchte er beim Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing e.V. in Wiesbaden Gesprächspartner mit ähnlichen Erfahrungen. Nach den Worten von Lothar Drat, Geschäftsführer des Vereins, kommt es im Umfeld strenger hierarchischer Strukturen, wie sie oft in Banken anzutreffen sind, besonders häufig zum täglichen Kleinkrieg am Arbeitsplatz. Stehe dann noch eine Fusion an oder würden gewohnte Strukturen etwa in einer unternehmerischen Neuorientierung geändert, so beginne die Angst um den Job viele Köpfe zu beherrschen. „Die Einsätze sind hoch in diesem Spiel“, kommentiert Klausen trocken, dass er Finanzmanager gesehen hat, denen Tränen in den Augen gestanden hätten, als sie den Dienstwagen oder die Senator-Card der Lufthansa abgeben mußten. Prestige- und Machtverlust verletze die Angestelllten der Geldinstitute weitaus mehr als finanzielle Einbußen. Der Banker, der sich selbst als pflichtbewußt, engagiert und kritisch charakterisiert, weiß um den harten Konkurrenzkampf in seinem Metier. “Da erreichen mich Mails, bei denen man am Datum erkennt, dass sie am Sonntag im Büro geschrieben wurden.“ Besonders viele junge Mitarbeiter seien vollkommen auf die Arbeit fokussiert und versuchten sich - vollkommen angepasst -verbissen nach oben zu boxen. „Wenn einer gemobbt wird, schauen fast alle weg; aus Angst, sonst selber Opfer zu werden.“, stellt der Mann in den Fünfzigern bitter fest, der seine eigene Angst, die Arbeit zu verlieren, nicht gänzlich verbergen kann. Würde er seinen Namen nennen, müßte er wohl selbst bald die Beratungsstungsstunden bei Drat, der auch Sozialpädagoge ist, in Anspruch nehmen, gesteht er. Die Schikanen könne er nur dank seiner Frau und einer Menge Sport durchstehen. Grund für Ärger und Frustration gäbe es schließlich genug: “Da fühlst du dich wie ein dummer Junge, wenn du eine Geschäftsreise machen musst und dann ist das Ticket nicht besorgt worden.“ Laut Drat wird jeder vierte im Laufe von 35 Jahren Berufsleben Opfer von Mobbing. Hierunter verstehe die Wissenschaft die zielgerichtete Ausgrenzung eines Mitarbeiters über einen längeren Zeitraum. Die Folgen des Psychoterrors können zu psychosomatischen Beschwerden, schweren Veränderungen der Persönlichkeit bis zu Suizid führen. Auch Klausen kennt nach eigenen Angaben einige Banker, die massiv gemobbt wurden. Viele seien davon erkrankt und könnten nicht länger arbeiten. Ihn persönlich beunruhige am meisten, dass das Vorgehen so systematisch sei, als ob dahinter ein bis ins letzte durchdachtes Konzept stecke. und dabei wirkt der Banker nicht wie einer, der zu Verschwörungstheorien neigt. Es stimme aber schon nachdenklich, wenn immer wieder in ähnlicher Weise auf Mitarbeiter Druck ausgeübt werde. Der Experte für Mobbing-Opfer, Drat, kann dies weder beweisen noch widerlegen. Schon vor Jahren , weiß er, hätten aber schon Betriebswirtschaftstudenten Diplomarbeiten mit Titeln geschrieben wie: „Wie mobbe ich planvoll und effektiv“. Klausen rafft seine Notizen zusammen, packt sie in eine braune Ledertasche. „Morgen ist wieder ein Meeting angesetzt. Da könnte es weitergehen“, sagt er nüchtern, als würde er darüber reden, dass das Wetter wieder schlechter werden soll. Mathias Frohnapfel
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