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" Mobbing macht Betroffene krank"

Der Sozialpädagoge Klaus Wolf hilft Mobbingopfern und arbeitet
als Konfliktvermittler für Betriebe

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Landkreis KT. Der Sozialpädagoge Klaus Wolf ist seit kurzem als Mobbingberater für Unterfranken und damit auch für den Landkreis Kitzingen zuständig. Die Kitzinger hat sich mit Wolf über seine Arbeit und das Problem Mobbing in der heutigen Arbeitswelt unterhalten.

Die Kitzinger: Sie sind seit vielen Jahren Mobbingberater, kennen sich also bestens mit dem Thema aus. Könne sie kurz beschreiben, was eigentlich unter Mobbing zu verstehen ist?

Klaus Wolf: Mobbing liegt dann vor, wenn eine Einzelperson häufig ... und über längere Zeit ... systematisch schikaniert und ausgegrenzt wird. Hingegen sind ein allgemein schlechtes Betriebsklima oder ein cholerischer Chef, der immer wieder mal jemanden auf den Kicker hat, kein Mobbing. Obwohl solche Situationen auch nicht leicht zu ertragen sind.

Die Kitzinger: Woran erkennt man, ob man gemobbt wird? Wie sehen denn die typischen Angriffe aus?

Klaus Wolf: Anzeichen für Mobbing sind: Der Umgangston wird rauer. Die Kritik an der Arbeit ist ungerecht und grundlos. Gespräche verstummen, wenn der Betroffene den Raum betritt. Die Antworten werden knapp und unhöflich oder man wird wegen Kleinigkeiten angebrüllt. Andere grüßen nicht mehr und verbreiten hinter dem Rücken des Betroffenen Gerüchte. Informationen werden vorenthalten, so dass dem Betroffenen Nachteile entstehen. Mobbing ist ein schleichender Prozess, der oft erst spät erkannt wird, wenn es zu spät ist. Deutliche Anzeichen sind, wenn der Betroffene sich immer wieder fragt, war das Zufall, bin ich jetzt zu kleinlich oder überempfindlich geworden oder bilde ich mir vielleicht das alles nur ein. Arbeitgeber können Mobbing erkennen, wenn eine Konfliktpartei alles abstreitet und keinen Handlungsbedarf für eine konstruktive Lösung sieht, mit der alle Parteien Leben können.

Die Kitzinger: Gibt es den "typischen Mobber" und das "typische Opfer"? Teilen Männer oder Frauen öfters aus?

Klaus Wolf: Nein, es gibt weder typische Mobber noch Gemobbte. Leider hat sich in der Gesellschaft das Bild festgesetzt, wer gemobbt wird, hat auch immer selbst Schuld daran. Mobbing gilt als individuelles Versagen in unserer Gesellschaft. In Wirklichkeit ist es vielmehr so, dass Mobbing jeden treffen kann. Bei Mobbing finden wir immer Strukturen im Unternehmen, die es erst möglich machen, dass Mobbing stattfinden kann. Häufig schauen Vorgesetzte weg, bagatellisieren das ganze als Kinderkram, sind unfähig Konflikte zu klären oder schlagen sich aus Angst oder Vorteilsnahme auf die Seite des Mobbers...

Die Kitzinger: Hängt Mobbing auch mit der Größe der Betriebe zusammen? Je größer, dester anonymer und desto ruhiger der Betrieb? Oder verführt Anonymität eher dazu, "über Leichen zu gehen" um selbst voranzukommen?

Klaus Wolf: Nach eminer Einschätzung besteht schon ein gewisser Zusammenhang zwischen der Größe des Betriebes und Mobbing. Oft spielen die Faktoren Neid und persönliche Abneigung bei Mobbing eine Rolle. Diese Faktoren kommen in kleineren Betrieben, wo die räumliche Nähe größer ist und der Kontakt untereinander zwangsweise intensiver ist, stärker zum Tragen als in Großbetrieben. Die aktuelle Untersuchung (Mobbing Report, 2002) differenziert die Häufigkeit von Mobbing nach Branchen. Nach dieser Untersuchung liegt das größte Mobbingrisiko in den Bereichen Sozial- und Gesundheitsberufe (Krankenpflege, Altenpflege, Erziehung, Heime, sozailpädagogen, Lehrer), gefolgt von der öffentlichen Verwaltung und dem Bankensektor. Das geringste Mobbingrisiko laut dieser Untersuchung bei Mitarbeitern im Sektor Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Gartenbau. Dass es in den Bereichen Sozial- und Gesundheitsberufen, öffentliche Verwaltung, und Banken verstärkt zu Mobbing kommt, hat unterschiedliche Gründe, die sich dort potenzieren. Die Gründe sind: Die Arbeitsergebnisse sind weniger messbar. Werthaltung und Normen der Mitarbeiter spielen eine größere Rolle. Oft arbeiten in diesen Bereichen viele Frauen, deren betrieblicher Stand durch die Unterbrechung von Erziehungszeiten nicht so gefestigt ist...

Die Kitzinger: Immer mehr Mitarbeiter leiden unter Vorgesetzen oder Kollegen. Ist der Umgang in den Unternehmen härter geworden? Oder reagieren wir sensibler auf Angriffe anderer?

Klaus Wolf: Ich glaube nicht, dass wir sensibler geworden sind. Ich sehe hier ganz andere Faktoren, die zum Tragen kommen. Ich beobachte in den Unternehmen eine zunehmende Arbeitsverdichtung, die mehr Stress und Leistungsdruck nach sich zieht. Außerdem ist seit Jahrzehnten eine zunehmende Individualisierung in der Gesellschaft zu spüren. Diese Individualisierung entsolidarisiert und lässt den einzelnen mehr auf den eigenen Vorteil schauen. Stress und Individualisierung haben so zu einem raueren Umgangston geführt. So werden auch "Normbrecher", wie besonders gute und Leistungfähige Mitarbeiter als auch schwächere Mitarbeiter in einer Arbeitsgruppe immer schneller Zielscheibe von Angriffen und Ausgrenzung. Kommt jemand unter diesen Vorraussetzungen, in einem Konflikt in die Position der Überlegenheit, wird er sich beschweren. Wer sich beschwert, nimmt kostbare Zeit in Anspruch, die eh nicht vorhanden ist. Im Zuge dessen wird der Gemobbte schnell zum betrieblichen Störenfried erklärt und es wird von seiten der Vorgesetzten versucht, den Betroffenen aus dem Betrieb hinaus zu drängen. Weiterhin ist zu beobachten, dass von Seiten der Unternehmensleitung die Gewinnmaximierung eine immer größere Rolle spielt und ihrerseits viel Druck macht, der sich von oben nach unten durchsetzt. Dieser Faktor hat inzwischen auch in den ganzen non-profit Unternehmen (Krankenhaus, Altenheime und anderen caritative Einrichtungen) Einzug gehalten. Hier spielen vor allem die strengeren Vorgaben des Gesetzgebers und rückläufige öffentliche Mittel eine Rolle. Darüber hinaus beobachte ich bei Vorgesetzenseminaren zunehmend das Motto " Tschaga du kannst alles schaffen, du musst es nur wollen und positiv denken". Diese Haltung verführt Vorgesetzte, nur noch die eigene Karriere und einen möglichst hohen Gewinn, um jeden Preis im Blick zu haben.

Die Kitzinger: Auch vom Burn-out-Syndrom wird heute viel geredet. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Überlastung und Mobbing?

Klaus Wolf: Das Burn-out-Syndrom entsteht meist nach sehr lang anhaltender Stressbelastung. Dieses Syndrom kann bei Mobbing-Betroffenen auch auftreten, wenn sie sehr lange in der Mobbingsituation aushalten. Dieses Aushalten geht dann oft über Jahre. Meist reagieren Mobbingbetroffene viel früher. Durch die ständigen Angriffe am Arbeitsplatz treten massive Ängste auf, die mit depressiven Verstimmungen einhergehen. Beim Burnout treten auch Ängste und Depressionen auf. Hier sind sie eher die Folge der Erschöpfung. Generell kann man feststellen, dass Überlastung der Mitarbeiter am Arbeitsplatz ein Grund ist, weshalb gemobbt wird. Durch Stress und Überlastung sinkt die Konfliktfähigkeit. Konflikte werden nicht mehr ausgetragen, sondern mit hinausmobben "gelöst". Auch wird bei permanenter Überlastung schnell das schwächste Teammitglied als Ursache der Überlastung ausgemacht und systematisch angegriffen.

Die Kitzinger: Manche Betroffenen versuchen die Angriffe zu ignorieren. Sie ducken sich, versuchen keine Angriffsfläche zu bieten. Ist das der richtige Weg oder raten sie dazu, zum Gegenangriff überzugehen? Soll man sich mit dem "Gegner" zusammensetzen? Oder sich gleich direkt an den Chef wenden?

Klaus Wolf: Ja, das ist richtig, dass viele Betroffene, sich zurücknehmen, sich ducken, Versöhnungsangebote machen oder versuchen, durch perfekte Arbeit keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Dieser Weg ist früher oder später zum scheitern verurteilt. Diesen Verhalten erhöht den Stress der Mobbing-Betroffenen und macht sie krank. Außerdem nützt diese Verhalten nichts, da es dem Mobbingtäter nicht um ein Unterordnen des Kotrahenten geht, sondern darum, ihn hinaus zu drängen. So geht die vermeintliche "Lösungsstrategie" des Betroffenen nicht auf, denn der Mobbingtäter greift im Zweifelsfall zu neuen und anderen Schikanen. Deshalbt gilt hier die Devise "Wehet den Anfängern." Der Mobbingtäter sollte so früh wie möglich zur Rede gestellt werden. wenn dieses Gespräch zu keinem befriedigenden Ergebnis führt, sollte dem Mobbingtäter angekündigt werden, dass man den Vorgesetzten einschaltet. Dies ist dann der zweite Schritt. Parallel dazu sollte der Betroffene sich an die Mobbingberatung wenden.

Die Kitzinger: Wie groß sind die Folgen von Mobbing? Gibt es Zahlen über Ausfalltage, Krankheitsbilder oder Kosten für die Krankenkassen?

Klaus Wolf: Zunächst lässt sich feststellen, dass Mobbing die Betroffenen krank macht und negative Auswirkungen auf die Qualität und Quantität der betrieblichen Leistungen insgesamt hat. Mobbing als eigenständige Diagnose gibt es nicht. Deshalb werden die Störungen nach der sogenannten ICD-10 diagnostieziert. Nach Prof. Heinz Leymann, das ist ein schwedischer Wissenschaftler, der das Phänomen Mobbing erstmals wissenschaftlich untersucht hat, reagieren die Betroffenen schon sehr früh mit klassischen Stresssymtomen wie: Kopfschmerzen (51%), Rückenschmerzen (44%), Einschlafstörungen (41%), Depressiv (41%), Schnell reizbar (41%), Nackenschmerzen (36%), Konzentrationsmämgel (35%). Prof. Dieter Zapf stellte 1999 folgende Symptome bei Mobbingopfern fest: Nervosität, Angespanntheit, Kopfschmerzen, Schlafschwierigkeiten, depressive Verstimmungen, obsessives Verhalten, Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörung. Nach Dr. Josef Schwickerath und Volker Kneip aus dem Jahr 2001 ist die Hauptdiagnose der Patienten in der Klinik Berus (Klinik für Psychosomatische Kuren) eine depressive Symptomatik. Für die Auswirkung von Mobbing gibt es keine konkreten Zahlen. Was vorliegt sind Schätzungen von Experten: Im ersten und zweiten Jahr des Mobbings liegen die krankheitsbedingten Ausfälle oft bei Tagen oder Wochen. Geht der Mobbingprozess länger oder eskaliert sehr stark, können krankheitsbedingte Ausfälle von Monaten oder Jahren entstehen. (Dies ist meine Einschätzung und auch die von Leymann.)... Die gesellschaftlichen/volkswirtschaftlichen Mobbingkosten werden für Deutschland auf mehrere Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Die Kitzinger: Sie beraten nicht nur Betroffene, sondern gehen auch in Betriebe. Wie sieht ihre Arbeit vor Ort aus?

Klaus Wolf: Sofern es Sinn macht und von den Betroffenen gewünscht wird, nehme ich Kontakt zum Betrieb auf. Ich biete dem Betrieb die Möglichkeit der Schlichtung /Konflikt-vermittlung an. Wird dieses Angebot angenommen, setzte ich mich mit den Konflikt-parteien zusammen. Unter Vorgabe bestimmter Kommunikationsregeln erarbeite ich mit den Parteien die Konfliktpunkte. In einem lösungsorientierten Verfahren entwicklen wir dann Perspektiven für die zukünftige Beziehungsgestaltung. Diese Perspektiven werden mit der Erarbeitung verbindlicher Verhaltensregeln für alle und die Umsetzung von Maßnahmen konkretisiert. Das Schlichtungsergebnis wird schriftlich festgehalten, von allen Beteiligten unterschrieben und ist für alle verbindlich. Für eine Schlichtung sind in der Regel vier bis sechs Stunden nötig.

Die Kitzinger: Wie sollte man sich verhalten, um erst gar nicht gemobbt zu werden? Oder kann jeder davon betroffen sein?

Klaus Wolf: Grundsätzlich sollte man Konflikte sehr frühzeitig ansprechen. Ein Konflikt sollte nicht länger als vier Wochen dauern, um hier mal eine Zahl zu nennen. Wenn der Konflikt dann nicht geklärt ist, droht er immer verschleppt zu werden und dann bei "günstiger" Gelegenheit wieder aufzuflammen und dann zu eskalieren und dies dann bis hin zum Mobbing. Unter bestimmten Umständen lässt sich trotzdem in manchen Fällen keine Klärung herbeiführen. Man muss aber trotzdem am Arbeitsplatz verbleiben, weil man keine Jobalternative hat. An dieser Stelle will ich Mobbing mal mit dem Autofahren vergleichen. Ich kann einmal im Jahr ein Fahrsicherheitstarining machen und mir die neuste Sicherheitstechnik ins Auto einbauen lassen. Dies mindert dann wahrscheinlich die Unafallfolgen, jedoch schließt es einen Unfall nicht aus. genauso ist es bei Mobbing. ich sollte einmal im Jahr ein persönlichkeitsbildendes seminar besuchen, wie z.B. selbstreflexion, Konflikttraining, Kommunikationstraining, etc. Darüber hinaus sollte jeder lernen, im Alltag bewusst Stress abzubauen, sei es durch Sport und vor allem durch ein gezieltes Entspannungsverfahren. dadurch kann ich die Folge von Mobbing schützen, denn es kann jeden treffen. Durch das rauer gewordene Klima ist auch weniger Raum für persömliche Individualität. Dies heißt, wer am weitesten von den Gruppennormen am Arbeitsplatz abweicht ist am ehesten in Gefahr gemobbt zu werden. Dies Gruppennormen können sich beziehen auf: die Arbeitsleistung, private Gespräche am Arbeitsplatz, gemeinsame Unternehmungen nach der Arbeit, Kleidung, Status Symbole, etc. Wer hier das Gefühl hat, er passt nicht oder nicht mehr in das Arbeitsteam, sollte sich überlegen, ob er sich längerfristig nicht eine andere Arbeit sucht.

Die Kitzinger: Sie sind in Unterfranken Ansprechpartner für den VPSM. Was versteckt sich hinter dieser Abkürzung und wer gehört dazu?

Klaus Wolf: Der VPSM ist der gemeinnützige Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing e.V. mit Sitz in Wiesbaden. Der VPSM unterhält ein bundesweites Netzwerk mit unabhängigen Arbeitsplatzkonflikt- und Mobbingberatern. Diese Berater sind von ihrer Ausbildung Diplom-Psychologen und Pädagogen sowie Juristen. Die Mitglieder in diesem bundesweiten Fachverbund haben alle eine fundierte Ausbildung zum Arbeitsplatzkonflikt-und Mobbingberater, welche der VPSM organisiert und durchführt. Durch regelmäßige Schulungen und Fachtreffen wird ein hoher Qualitätsstandard erreicht und gehalten. Im Fachverbund des VPSM bin ich für die Region Unterfranken zuständig.

Das Gespräch führte unser Redaktionmitglied Daniela Röllinger

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