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Hamburger Abendblatt 12.05.2012


Katalysatoren und Blitzableiter für Patienten

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Der psychische Druck in der Medizin wächst. Erkrankte lassen ihren Frust bei Ärzten und Pflegekräften ab. Wie ihnen geholfen werden kann.

Hannelore Labentsch leistet Beziehungsarbeit. Die Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist stellvertretende Chefärztin am Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus in Bargfeld-Stegen. Sie behandelt vorwiegend affektive Störungen wie Depressionen und das Burn-out-Syndrom. Dabei hat sie festgestellt: "Männer und Frauen gehen unterschiedlich mit Depressionen um." Männer empfänden es oft als Kränkung, "mit einer Psychotante" sprechen zu müssen. "Und diese Kränkungen versuchen sie weiterzugeben", sagt Labentsch. Dann würden Ärzte und Pflegefachkräfte zu Projektionsflächen des Frusts - und müssten sich immer wieder klarmachen: "Der meint nicht mich!"

Das erfordert viel Empathie, also Verständnis für den Patienten. Gleichzeitig müssen die Mitarbeiter der Klinik sich abgrenzen können und dürfen die Probleme der Erkrankten nicht zu nah an sich heranlassen. Hannelore Labentsch: "Wichtig ist eine Balance zwischen Höflichkeit und Grenzensetzen und im nächsten Schritt zwischen Nähe und Distanz. Denn wir sind Katalysatoren für die seelischen Befindlichkeiten der Patienten, dürfen uns aber von ihrem Leid nicht wegspülen lassen."

Dem Leben die Balance wiedergeben

Labentschs eigener Balanceakt beginnt gleich bei Dienstbeginn: "Der Terminkalender ist immer übervoll, also habe ich stets im Hinterkopf: Was ist jetzt am wichtigsten? Wohin muss ich mich als Nächstes wenden?" Ihren ganz alltäglichen psychosozialen Stress nennt die Ärztin das. Aber sie wäre nicht Psychotherapeutin, wüsste sie nicht auch Mittel dagegen.

Ihre Entschleunigungsstrategien klingen ganz simpel. Dazu gehört es zum Beispiel, kurze Pausen einzulegen, etwa zum Austausch mit Kollegen bei einer Tasse Kaffee. "Dabei darf auch gern etwas Dampf abgelassen werden", sagt Hannelore Labentsch.

Eine Beziehung zum Patienten aufzubauen, den passenden Behandlungsplan zu entwerfen und zu akzeptieren, dass der Betreute sich nicht immer kooperativ verhält, koste Zeit und erfordere Geduld, sagt die Ärztin. Außer einer gelegentlichen Entschleunigung hilft ihr auch ihre Persönlichkeit. "Ich habe zwei Ressourcen: Humor und Großzügigkeit", sagt die Ärztin. Zur Letzteren gehöre auch der Aspekt Gelassenheit. "Ich darf nicht meinen, ich muss jeden Patienten sofort retten."

Zu viel Stress: Jeder zehnte Hamburger infarktgefährdet

Unterstützung erhalten Labentsch und ihre Kollegen auch von ihrem Arbeitgeber. Das Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus wurde 2011 beim Arbeitgeber-Wettbewerb "Great Place to work" ausgezeichnet. Die Klinik überzeugte die Jury durch Wertschätzung und Anerkennung ihrer Mitarbeiter sowie deren Einbindung in die Entwicklung interner Abläufe. Ebenfalls als förderlich fürs Betriebsklima erweisen sich die flexible Dienstplangestaltung, das Projekt 50 plus oder Entspannungsangebote von Mitarbeitern für Mitarbeiter. "Wir sind ein Spezialist für klinische Gesundheit - da liegt uns natürlich auch die Gesundheit unserer Mitarbeiter am Herzen", sagt Qualitäts- und Projektmanager Wolfgang Bruners. Den Mitarbeitern stehen zum Beispiel vielfältige Supervisionsangebote zur Reflexion und fachlichen Beratung zur Verfügung. Angeboten werden sie vom Seelsorger und den Mitarbeitern des Sozialen Dienstes aus dem eigenen Haus, aber auch von externen Experten.

Das dürfte Lothar Drat freuen. Der Gründer vom Fachverbund VPSM (Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing) setzt sich seit über 17 Jahren für mehr Respekt am Arbeitsplatz sowie frühzeitige Mobbing- und Burn-out-Prävention ein. Supervisionsangebote gehören für ihn zum Vorbeuge-Instrumentarium.

Allerdings müssten die Mitarbeiter selbst die Signale ihres Körpers ernst nehmen. Zwar sei es durchaus vertretbar, wenn Arbeitgeber phasenweise eine Mehranstrengung ihrer Mitarbeiter erwarten. "Aber das darf nicht zum Dauerzustand werden", sagt Drat. Und die "flankierende immaterielle Entlohnung", wie er es nennt, in Form von Lob darf auch nicht fehlen. "Weit verbreitet ist die Fehler-Schelte. Nur mit dem Auf-die-Schulter-Klopfen hapert es."

Von Dauerstress geplagten Arbeitnehmern rät der Experte, das Gespräch mit dem Chef zu suchen. "Wählen Sie einen positiven Einstieg. Statt ,Hallo, ich habe ein Problem!' besser: Ich liebe, was ich tue, und ich möchte auch noch in zehn Jahren mit im Boot sitzen. Darum würde ich gern mit Ihnen besprechen, was wir verändern können." Weitere mögliche Anlaufstellen seien Betriebsrat oder Konflikt- und Gleichstellungsbeauftragte. Parallel geht es aber auch darum, die eigene Stressresistenz auszubauen - gerade wenn man nicht von Natur aus mit viel Humor und Gelassenheit ausgestattet ist, wie Ärztin Hannelore Labentsch. Psychologin und Coach Andrea Danker hat da verschiedene Tipps: Yoga, Meditationsübungen. "Oder einfach kurz die Treppe hinauf- und wieder hinunterlaufen, um sich selbst zu regulieren und die Stressspirale zu stoppen, wenn gerade alles über einem zusammenzubrechen scheint."

Auch immer alles perfekt machen zu wollen kann Stress auslösen. Danker: "Perfektionisten müssen lernen, auch 80 Prozent Leistung sind ausreichend. Für andere gilt vielleicht: Ich muss nicht immer geliebt werden, ich darf auch mal Nein sagen. Oder: Ich muss nicht immer stark sein, ich darf mir Hilfe holen." Geduld ist auch hier gefragt: "Eine nachhaltige Veränderung lässt sich nicht über Nacht erreichen."

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