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Mobbing: Interview mit Sven Breitenstein

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Wann hört Spaß auf, wann fängt Mobbing an? Experte Sven Breitenstein erzählt im SPIESSER-Interview, was Mobbing eigentlich ist, was man dagegen tun und wohin man sich wenden kann.

SPIESSER: Was ist Mobbing?

Sven Breitenstein: Mobbing kommt aus dem Englischen von "to mob" (jemanden anpöbeln, jemanden fertigmachen). Dabei wird jemand schikaniert, belästigt, drangsaliert, beleidigt, ausgegrenzt oder bespielsweise mit kränkenden Arbeitsaufgaben bedacht. Wenn man etwas als Mobbing bezeichnen möchte, dann muss dies häufig und wiederholt auftreten und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken mit dem Ziel, das Opfer auszugrenzen.

Wie kann man Mobbing zu normalen Konflikten abgrenzen?

Sven Breitenstein: Viele gebrauchen fälschlicher Weise den Begriff Mobbing. Es gibt normale Konflikte, Streit, Aggressionen und Gewalt. Mobbing ist ein kontinuierlicher zielgerichteter Prozess, das der Unterschied. Entscheidend ist dabei immer, wie das Opfer sich fühlt. Auch wenn Täter ihr Handeln als nicht so schlimm bewerten, wichtig ist die subjektive Wahrnehmung des Opfers.

Hat Mobbing zugenommen?

Sven Breitenstein: Ja, sowohl im Arbeits- als auch im schulischen Bereich. Wöchentlich werden nach einer Studie der Uni München aus dem Jahr 2007 rund 500.000 Schüler gemobbt. Ca. 600.000 Schüler haben Tätererfahrung, damit ist Mobbing ein täglich präsentes Thema.

Warum zugenommen?

Sven Breitenstein: Weil vor allem der Konkurrenzkampf zugenommen hat, alles ist härter geworden. Dazu werden soziale Unterschiede immer deutlicher. Mobbing ermöglicht es, sich mit zielgerichteten Handlungen in eine bessere Position zu bringen, andere rauszudrängen und sich selbst das Gefühl von Stärke und Macht zu geben.

Ist Mobbing in der Schule, bzw. Mobbing unter Jugendlichen anders als Mobbing am Arbeitsplatz?

Sven Breitenstein: Es kommt die körperliche Gewalt hinzu. Und eine Spezialität im Mobbingbereich bei Jugendlichen und Schülern ist natürlich das so genannte Cybermobbing.

Können Sie daruf noch Stück näher eingehen, bitte?

Sven Breitenstein: Cybermobbing ist das absichtliche Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen von Personen im Internet oder mit dem Handy - meist über einen längeren Zeitraum. Dabei werden unterschiedlichen Internet- und Handydienste verwendet: wie z.B. im Internet durch E-Mails, Instant Messaging, in Chatrooms, in Diskusssionsforen, in Sozialen Netzwerken, auf Foto- oder Videoplattformen, in Blogs und am Handy z.B. durch lästige Anrufe, SMS, Nachrichten auf der Mailbox, Handykamera etc. Und fast jeder hat ein Handy, fast jeder ist in irgendwelchen Internetforen angemeldet. Das betrifft nicht nur Schüler, sondern richtet sich teilweise auch gegen Lehrer. Bis man eine Löschung von öffentlichen Aussagen erreicht, ist natürlich ein aufwändiges Verfahren. Cybermobbbing ermöglicht "rund um die Uhr" Eingriffe in die Privatsphäre, es sei denn, man benutzt keine neuen Medien.

Gibt es das klassische Opfer?

Sven Breitenstein: Grundsätzlich gibt es keinen speziellen Opfertyp. Jeder kann zum Mobbing-Opfer werden. Aber es gibt natürliche begünstigende Faktoren, z.B. auffälliges oder andersartiges Aussehen. Dann natürlich Ungeschicklichkeit, Hilflosigkeit, vielleicht auch ein gewaltsensibler oder gewaltverächtender familärer Hintergrund, ängstliches überangepasstes Verhalten. Auch besonders gut und leistungsstark zu sein, kann Mobbing fördern, weil dadurch Neid entsteht und so kann man schnell ins Visier geraten.

Gibt es genug Präventionsarbeit?

Sven Breitenstein: Ganz klar: Nein

Was passiert eigentlich mit den Menschen, die Mobbingopfer werden?

Sven Breitenstein: Oft entstehen oder steigern sich ohnhin schon vorhandene Selbstwertprobleme. Es kann zu Ängsten kommen, zu Schlafstörungen, nachlassenden Schulleistunge bis hin zu völligem Versagen. Natürlich Rückzug, Isolation. Auch körperliche Symptome: häufige Infekte, Magenprobleme, Atemwegserkrankungen, Kopfschmerzen, bis hin zu psychischen Problemen: Depression, Angsterkrankungen, Tramatisierungen, die teilweise auch bis zu einer kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung führen. Und im schlimmsten Fall kommt es zu Selbstmordgedanken und zu Suizid. Man geht davon aus, jeder 6. Suizid in Deutschland auf Mobbing zurückzuführen ist.

Was können Jugendliche tun, die Zeuge von Mobbing werden?

Sven Breitenstein: Die Königsdisziplinen beim Mobbing sind Vorbeugen und sehr frühes Eingreifen. Auf den Betroffenen zugehen, zuhören und das nicht abzutun. Dem Betroffen Hilfe anbieten, sich Hilfe zu holen. Weil Mobbingopfer in der Regel nicht mehr in der Lage sind, sich alleine zu wehren. Man kann auch auf andere, scheinbar Unbeteiligte in der Klasse zugehen. Das heißt: Zivlcourage zeigen, das Thema öffentlich machen, weil Mobbing gedeiht natürlich am besten dort, wo alle schweigen. Auch mit dem Vertrauenslehrer kann man sprechen. Manche Schulen tun sich natürlich auch schwer damit, zuzugeben, dass Mobbing bei ihnen ein brisantes und aktuelles Thema ist.

Warum?

Sven Breitenstein: Man müsste dann ja was tun. Das ist natürlich erst einmal Aufwand. Gegebenenfalls kostet das auch Zeit und manchmal kostet das auch Geld, wenn man sich Hilfe von außen holt. Wichtig ist: Klare Strukturen und Regeln zu haben und dass Schüler wissen, Mobbing hat an meiner Schule Konsequenzen.

Ist Mobbing eine Frage von Intelligenz oder zieht sich diese Art von Ausgrenzung durch alle Schichten?

Sven Breitenstein: Ich würde definitiv sagen, Mobbing zieht sich durch alle Schichten. Die Wahl der Mittel ist dabei natürlich unterschiedlich. Gewalt spielt im Haupt- und Regelschulbereich eine größere Rolle, während Abiturienten eher ohne körperliche Gewalt mobben.

Wenn ich Mobbingopfer bin, wohin kann ich micht wenden, wenn ich Hilfe brauche?

Sven Breitenstein: Also erst einmal ist die Schwierigkeit, dass sich Mobbingopfer überhaupt Hilfe holen. Ein wichtiger Punkt ist, wenn ich gemobbt werde, dass ich ein so genanntes Mobbingetagebuch führe. Dass ich auch alles aufschreibe: Wer hat wann was wo wie gesagt, gemacht. Dass ich SMS aufhebe, E-Mails usw... Opfer haben so auch einen Nachweis, denn es ist nicht leicht, Mobbing nachzuweisen, weil vieles auf subjektiven Empfindungen beruht.

Wer Hilfe sucht, ob als Betroffener von Mobbing oder als Zeuge:
Ihr könnt euch an den Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing wenden.
Dort helfen Experten und Fachleute. Der Verein hat Ansprechpartner in allen Bundesländern. www.vpsm.de

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