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Mobbing – Der tägliche Kampf am Arbeitsplatz kostet Milliarden


Opfer werden krank und verlieren Job / Gemeinschaft zahlt Behandlung und Arbeitslosigkeit / “Für das komplexe Problem gibt es keine einfachen und billigen Lösungen“
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Hunderttausende Bundesbürger brauchen keine Feinde.
Sie haben ihre Kollegen und Vorgesetzte, die ihre Opfer schikanieren, beleidigen und beschimpfen. Beim Volkssport Mobbing gibt es aber keine Gewinner:
Die Betroffenen erkranken an Leib und Seele, verlieren ihren Job: die Täter laufen Gefahr, selbst ins Visier ihrer Kollegen zu geraten. Behandlungen und Therapien, Arbeitsunfall und Arbeitsplatzwechsel schlagen jährlich mit geschätzten 30 Milliarden Mark zu Buche.


Von Andreas Schwarzkopf

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Christa König arbeitete gut, fanden ihre Kollegen – nicht ihre Chefs. Die fühlten sich vom Eifer und Kompetenz der 42-jährigen Personalfachkauffrau bedroht, gaben ihr monatelang keine Aufgaben. „Sie behaupteten aber hintenrum, ich arbeitete nichts mehr.“ Christa König kündigte und ist nun arbeitslos.

Bürokauffrau Lisa Schreiner (50) hat die Attacken ihrer Kollegen aufgelistet: „Mit zwei Briefen pro Tag bist du überlastet.“ Zerstochene Reifen, Droh-Anrufe. Nun klagt sie über Herzrhythmusstörungen, Magenschmerzen und ihre geringere Belastbarkeit. „Ich schaffe nur noch ein Fünftel dessen, was ich früher gearbeitet habe, denke oft an Selbstmord.“

Paula Ludwig (alle Namen geändert) dachte nicht nur an Suizid. Die Polizistin (24) fühlte sich von ihren Vorgesetzten und Kollegen verfolgt. Nach einem letzten Spaziergang mit den Eltern setzte sie sich die Pistole an den Kopf und drückte ab.

Die drei Mobbing-Opfer sind keine Einzelfälle. ÖTV-Mann Wilde und andere Experten schätzen, daß hierzulande zwischen 500000 und 1,4 Millionen Beschäftigte unter monate-, wenn nicht jahrelangen Schikanen ihrer Chefs und Kollegen leiden. Die Unterlegenen werden systematisch gequält, um sie zu isolieren, sie aus der Abteilung oder dem Betrieb zu ekeln. Die Folge: Die Gemobbten verlieren erst die gute Laune, dann Gesundheit und oft den Arbeitsplatz. Der Schaden: Zum Leid der Opfer kommen betriebs- und volkswirtschaftliche Kosten in mindestens zweistelliger Milliardenhöhe. Fachleute sprechen von 30 Milliarden jährlich. Der deutsche Gewerkschaftsbund rechnet vor. Ein einziger Fehltag kann maximal 800 Mark ausmachen. Wechselt ein Beschäftigter die Firma werden zwischen 15000 Mark für einen Facharbeiter und 400000 Mark für eine Führungskraft fällig. Und die Gemeinschaft muß Behandlungen und Kuren, Arbeitslosigkeit und Frühverrentung bezahlen.

Der Chef kann genauso schikaniert werden wie die Sekretärin, der Fleißige wie der Faule. Mit dem Ergebnis einer Studie widerlegt der Frankfurter Psychologe Dieter Zapf die weitverbreitete Ansicht, zum Mobbing-Opfer oder Täter werde man geboren.

Es gibt aber „Risikofaktoren“. Täter werden meist Chefs mit mangelndem Selbstbewußtsein. Sie fühlen sich, wie im Falle von Christa König, von starken Untergebenen bedroht. Opfer werden eher Außenseiter, die Konflikte nicht lösen. Doch auch Leistungsträger trifft es. Sie stören mit ihrem Eifer das soziale Klima. So geschehen bei Paula Ludwig, die auch am Ostermontag auf Streife gehen wollte, während die anderen Wachmänner es an Feiertagen gerne ruhiger angehen ließen.

Genauso wichtig wie Charakterzüge ist Zapf die Betriebsorganisation. Ärzte in Krankenhäusern sind siebenmal häufiger Mobbing ausgesetzt als der Durchschnitt, Beschäftigte in der öffentlichen Verwaltung dreieinhalbmal, Lehrer dreimal so oft. „Auch Täter können Opfer sein.“

Auslöser von Mobbing so der Professor der Goethe-Universität, können Neuerungen am Arbeitsplatz sein, die gewohnte Abläufe verändern. Dazu zählen Umstrukturierungen, ein neuer Eigentümer oder Chef. Hinzu kommen die mangelnde Fähigkeit der Beschäftigten, Konflikte zu lösen. Verschärft wird das Problem durch die Angst vor Arbeitslosigkeit. „Früher haben viele Betroffene einfach eine neue Stelle gesucht und gefunden..“

Gewerkschafter Wilde sieht Mobbing als Zeichen für schlechtes Klima in der Arbeitswelt. Arbeitsverdichtung setze die Beschäftigten immer mehr unter Druck. Die geistig-moralische Wende und der Kasino-Kapitalismus hätten zusätzlich eine Atmosphäre geschaffen, in der nur das Recht des Stärkeren gelte. „Mich haben Manager gefragt, wie sie richtig mobben.“

Wer durch Mobbing Beschäftigte los werden will, „ist ein Depp. Er schadet nicht nur den Betroffenen, sondern auch dem Unternehmen“, warnt Jobst Hagedorn. Der Experte der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände weiß zum einen, daß Mobbing-Täter weniger leisten. Ihre Energie benötigen sie für die täglichen Scharmützel. Zum anderen kündigen die Opfer innerlich, arbeiten nur nach Vorschrift. Zudem wird das produktive Betriebsklima zerstört. Jeder muß Angst haben, der nächste zu sein. „Eine Abfindung kommt günstiger.“

Hagedorn zufolge mobben Chefs nur selten gezielt. Überhaupt seien die Führungskräfte für das „komplexe Thema, für das es keine einfachen und billigen Lösungen gibt, sensibler geworden“. Mitte der achtziger Jahre hat der Betriebswirt und Psychologe Heinz Leymann mit seiner Forschung dem „Phänomen“ Psychoterror am Arbeitsplatz mit Mobbing einen Namen gegeben. Inzwischen „wird mehr getan, um Mobbing zu unterbinden.“

Zum Beispiel die VW-Betriebsvereinbarung „Partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz“. Auf 68 Seiten kann jeder nachlesen, was Mobbing, sexuelle Belästigung und Diskriminierung ist, und was sich dagegen tun läßt. Überführte Akteure können belehrt, verwarnt, versetzt oder entlassen werden. Die Vereinbarung „hat bei uns vieles verbessert“, sagt Betriebsrätin Erika Stetz. „Keiner kann mehr sagen, er habe nichts gewußt.“

Das Werk ist für Henner Ertel, Leiter vom GRP Institut für Rationelle Psychologie in München, nur ein Schritt in die richtige Richtung. Statt sich nur um Produktion, Absatz und Prozesse zu kümmern, müßten Firmen das „menschliche Miteinander“ fördern. Dabei kann Weiterbildung helfen. Daß Manager dazu ausgebildet werden, Konflikte am Arbeitsplatz zu lösen, ist noch längst nicht die Regel.

Zwar „lassen hiesige Firmen ihre Führungskräfte für vier bis sieben Milliarden Mark jährlich auf allen Gebieten weiterbilden“, schätzt Carsten Löwe, Geschäftsführer des Wuppertaler Kreises – ein Zusammenschluß von Bildungseinrichtungen. Doch das ist Ertel nicht genug und gleichzeitig zu viel. Einerseits markieren Seminare über das Thema soziale Kompetenz den Trend der neunziger Jahre, andererseits „sind viele Angebote veraltet“.

An Unis sieht es mau aus. Nur der Psychologe Udo Keil von der TU Darmstadt bereitet mit dem „bundesweit einmaligen“ Seminar („Soft-Skills für Ingenieure und Informatiker“) Studenten auf künftige Führungsaufgaben vor. Doch viele müssen draußen bleiben. Für das Projekt fehlt das Geld. Vergeblich hat Keil bei Firmen um einen Beitrag gebeten. „Die sehen für sich keinen unmittelbaren Nutzen und denken: Das soll die Uni selbst machen.“

Betriebsvereinbarung und Weiterbildung sollen helfen, Psychoterror einzudämmen – „verhindern können sie es nicht“, sagt VW-Betriebsrätin Erika Stetz. Im Ernstfall empfiehlt der Offenbacher Mobbing-Unternehmensberater Werner Gross möglichen Opfern Tagebuch zu führen, um sich vor der Gefahr abzusichern, von der eigenen Phantasie hinters Licht geführt zu werden. Ferner können Freunde und verschiedene Mobbing-Telefone der Krankenkassen Rat geben.

Ist die Sache klar, sollten Schikanierte unter Kollegen, beim Betriebsrat und Chef Koalitionspartner suchen. Unterstützung finden sie auch in Selbsthilfegruppen. In schweren Fällen wird professionelle Hilfe von Ärzten und Psychologen nötig. Ist nichts mehr zu retten, landet die Geschichte bei Gericht. Viele kommen dort nicht an, sagt der Direktor des Arbeitsgerichts Frankfurt, Jürgen Schuldt.

Das könnte daran liegen, daß Mobbing nur schlecht nachweisbar ist. Außerdem verändert Psychoterror die Opfer. Sie arbeiten weniger und reagieren oft aggressiv. „Eine Abmahnung scheint dann gerechtfertigt“, sagt ÖTV ´ler Wilde. Nur in besonders schweren Fällen wird ein Jurist eingeschaltet. Einige Firmen lassen auch nicht locker, nach dem ein Richter zahlreiche Abmahnungen zurückgewiesen hat, sagt der Hamburger Fachanwalt Klaus Bertelsmann

Lothar Drat vom Verein gegen psychosozialen Streß und Mobbing (VPSM) will eine derartige Eskalation verhindern. Er empfiehlt ein „Schiedsgericht“, bei dem Führungsebene, Betriebsrat und ein unabhängiger Berater Lösungen erarbeiten.

Trotz der Hilfsangebote sind die Betroffenen im Ernstfall zunächst auf sich allein gestellt. Zumal ihnen oft nicht klar ist, was abläuft. „Ich wollte es anfangs nicht wahrhaben“, sagt Christa König. Und: „Es wollte mir keiner glauben, daß mich meine Kollegen schikanieren“,sagt Dietrich Müller. Haben ihm schon Freunde die „abenteuerliche“ Geschichte kaum abgenommen, so winkt der Betriebsrat oft ab und spielt die Sache herunter.

Oft nähmen die Vertreter der Beschäftigten diese nicht ernst, erzählt VPSM-Geschäftsführer Drat. Dabei gilt: „Zuhören ist oberstes Gebot.“

Dazu fehlt „Ärzten oft die Zeit, obwohl sie vieles dazu gelernt haben“, meint der Hamburger Mediziner und Mobbing-Experte der ersten Stunde, Jürgen Ebeling.
Es sei aber nicht einfach, hinter psychosomatischen Symptomen Mobbing als Auslöser zu entdecken.

Doch es hilft nicht. „Aus Opfern müssen Beteiligte werden“, sagt Drat. Sonst läßt sich ein Schicksal wie das von Christa König, Lisa Schreiner oder Paula Ludwig nicht verhindern.

Hilfe gegen Schikanen


... Zum Einlesen sind empfehlenswert „Mobbing“ und „Der neue Mobbing-Bericht“
von Heinz Leymann. ...

Ein „Mobbingtelefon“ unterhalten die AOK Hamburg, die DAG und der Kirchliche Dienst
in der Arbeitswelt. Unter der Nummer 040/20230209 geben Fachleute Auskunft
montags von 10 bis 14 Uhr, dienstags von 14 bis 18 Uhr, donnerstags von 17 bis 20 Uhr.
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Der Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing vermittelt darüber hinaus
auch Beratung für Unternehmen,
Telefon: 0611/54 17 37.

Ara

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