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Krieg am Arbeitsplatz: Wenn Mobbing in den Selbstmord treibt

Die WZ im Gespräch mit Konfliktberater Klaus Stemmler -
"Im Gesundheitswesen wird sieben Mal häufiger gemobbt als in anderen Berufen"

Klaus Stemmler ist Experte des VPSM-Fachverbundes und Ansprechpartner
für die Region: Bad Vilbel Bad Nauheim Friedberg Bad Homburg

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Wetteraukreis. Ein angenehmes Betriebsklima, nette Kollegen und ein verständnisvoller Chef? Das ist nicht für jeden Arbeitnehmer eine Selbstverständlichkeit. Bei anderen steht dann eher mal ein Schreibtisch auf dem Flur. Oder der Computer ist manipuliert. Die Arbeitswelt kann hart und rau sein, aber was laut Arbeitsplatz-Konfliktberater Klaus Stemmler einige Arbeitsnehmer täglich erleiden müssen, ist ein Nervenkrieg. Manchmal
sei die Situation so unerträlich, dass Betroffene es einfach nicht meher aushielten.
Viele würden darüber krank, manche auch nicht vor dem Äußersten zurückschrecken: Selbstmord oder Amoklauf. Der 49-jährige Stemmler kümmert sich in seiner Beratungsstelle in Oppershofen um Opfer, Personalverantwortliche und Arbeitgeber, damit Konflikte nicht weiter esklaieren, und sucht mit dem Betroffenen nach Lösungswegen. Er ist zudem Mitglied im VPSM, einen bundesweiten Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing. Der Bad Nauheimer erklärt, was Betroffene unternehmen können und welche Möglichkeiten Kollegen und Vorgesetzte haben,
um zu helfen.

Herr Stemmler, wie sieht Mobbing konkret aus?

Stemmler: Es fängt ganz harmlos an. Meist wird hinter dem Rücken der Betroffenen getuschelt. Das steigert sich aber. So kommen Mobbingopfer zu Bespiel morgens an
ihren Arbeitplatz und die Technik funktioniert nicht. Sie erhalten keine Informationen,
die sie zur Erledigung ihrer Arbeit benötigen, ihre Computer werden manipuliert, Unterlagen verschwinden ...

>> Eine Opfergruppe: Über 50-Jährige <<

Da steckt ja richtig Energie dahinter.

Stemmler: Absolut. Umso länger der Prozess läuft, desto raffinierter, heimtückischer und bösartiger können die Angriffe werden. Deswegen ist es wichtig, rechtzeitig einzugreifen. Stellen Sie sich vor, Sie kommen zur Arbeit und ihr Schreibtisch steht auf einmal auf dem Flur. Das kann einen fertig machen.

Was muss man getan haben, damit Kollegen einem den Schreibtisch vor die Tür stellen?

Stemmler: Es gibt nicht die typischen Qualitäten, die einen zum Opfer machen. Es kann einerseits Jemand sein, der auffällt. Weil er unsauber und tollpatschig ist. Oder weil er kein Fettnäpfchen auslässt. Betroffen können aber genauso gut die professionell Engagierten sein. Zur Verdeutlichung ein Praxisbeispiel: Eine junge Lehrerin kommt an eine neue Schule, an der es viele Alteingesessene im Kollegium gibt. Die sind nicht ausgeschlossen für neue Ideen. Auf der einen Seite sind die neidisch, dass die neue Lehrerin kommt, auf der anderen Seite wollen sie keine Veränderung. Mobbing entsteht dann ganz schnell. Eine andere Opfergruppe sind Menschen über 50. Die kosten das Unternehmen mehr Geld. Vorgesetzte versuchen häufig rauszumobben, um Platz für billige junge Arbeitskräfte zu haben.

Was kann ein Mobbingopfer unternehmen, um seine Situation zu verbessern?

Stemmler: Vor allen Dingen das Schweigen brechen. Je früher man die Probleme anspricht, desto einfacher ist es die Dinge unter den Beteiligten zu regeln. Betroffene sollten nach Kollegen schauen, die solidarisch sein können. Außerdem solllten sie zu Betriebsrat und
zu ihren Vorgesetzten gehen.

>> Manchmal macht der Chef mit <<

Was ist, wenn der Vorgesetzte auch mobbt?


Stemmler: Das gibt es leider auch. Wenn Vorgesetzte zum Beispiel ihre Abteilung umstrukturieren wollen. Dann mobben sie kräftig mit, um das Opfer nicht im Team
haben zu müssen. Dann sollten die Betroffene sich an den nächsthöheren
Vorgesetzten wenden. Wenn das auch nicht hilft, kann unser Verein
vermitteln.

Wie können Sie helfen?

Stemmler: Wir erstellen mit den Opfern ein Organigramm: Wer ist am Konflikt beteiligt,
wie ist die Hierachie im Unternehmen, welche vorbeugenden Maßnahmen können etwas bringen? Wir bieten auch an, zu Schlichtungsgesprächen ins Unternehmen zu kommen. Wir versuchen, den Konflikt sachlich zu betrachten. Bei längeren Prozessen können die Grenzen zwischen Tätern und Opfern verschwimmen: Wenn jemand gemobbt wird, reagiert er drauf, er mobbt zurück. 'Er wird somit selbst zu Täter. Damit es erst gar
nicht wo weit kommt, informieren wir in den Betrieben und bilden Personalverantwortliche aus. Denn Mobbing kann schwerwiegende Folgen für die Opfer haben.

>> Einsamkeit, Angst und Depression <<

Wie können die Folgen aussehen?

Stemmler: Das beginnt zunächst harmlos, meist mit Schlaflosigkeit und Selbstzweifeln. "Was mache ich hier falsch, wo bin ich hingeraten?", denken sich viele. Die Einsamkeit nimmt zu. In schlimmen Fällen steigert sich das zu Angstzuständen oder zu einer waschechten Depression. Darunter leiden auch die Partnerschaft und die Familie. Im schlimmsten Fall denken die Betroffenen sogar über Selbtmord nach. Neueste Untersuchungen gehen davon aus, dass jeder sechste Suizid auf Mobbingerfahrungen zurzuführen ist. Die andere Variante ist der Amoklauf. Beides sind mögliche Reaktionen der Opfer am Ende der Skala.

Was können Arbeitgeber tun, um Mobbing zu verhindern?

Stemmler: Ein Arbeitgeber sollte dafür sorgen, dass ein partnerschaftlicher Umgang innerhalb der Hierachien und ein gutes Betriebsklima herrschen. Allein aus eigenen Interesse sollte er diesem Thema große Aufmerksamkeit widmen. Mobbing ist für die
Firma wirtschaftlich schädigend. Wer ist denn noch leistungsfähig, wenn er gemobbt
wird? Es gibt da ein Zitat: "Wenn ich zur Arbeit gehe, brauche ich ein Drittel der Zeit
und Arbeitskraft, um Angriffe abzuwähren, mein zweites Drittel brauche ich, um selber vorbeugende Maßnahmen zu inszenieren und ein Drittel bleibt für meine eigentliche Arbeit."

Und was können Kollegen unternehmen, die Zeugen von Mobbingattacken werden?


Stemmler: Sie sollten Angriffe offen ansprechen und mit dem Vorgesetzten reden. Auch wenn das im Alltag schwierig ist, weil viele Angst davor haben, selber zum Opfer zu werden.

Was, wenn das alles nicht hilft? Wie können Betroffene rechtlich gegen Mobbing vorgehen?

Stemmler: Zu unserem Team gehören neben Pädagogen und Psychologen auch Fachanwälte, aber das sind nach Möglichkeit die letzten, die eingreifen. Erst muss der Konflikt sachlich aufgearbeitet werden. Die Anwälte kommen zum Einsatz, wenn zum Beispiel eine Verleumdung oder eine Körperverletzung vorliegt. Eine Frage ist auch,
wie man mit Abmahnungen umgeht. Die werden häufig von Vorgesetzten instrumentalisiert, indem sie von Mobbingopfern Aufgaben verlangen, die sie alleine gar nicht schaffen können. Wenn sie scheitern, hagelt es Abmahnung. So versucht der Arbeitgeber vorzubauen, um einen Kündigungsgrund zu haben. Das ist dann eindeutig
ein Fall für den Anwalt.

Was sagen Sie zu aktuellen Vorfällen bei der hessischen Polizei? Dort haben sich kürzlich drei Beamte über Mobbingattacken beschwert.

Stemmler: In Einrichtungen, wo Hierarchie besonders stark ausgeprägt ist, wird häufig gemobbt. Untersuchen zeigen, dass Mobbingvorfälle zum Beispiel im Gesundheitswesen um das Siebenfache und im öffentlichen Dienst um das Vierfache über dem Durchschnitt liegen. Zu letzterem zählt auch die Polizei. Darüber hinaus ist überall da Mobbing ein Thema, wo ein ungewollter Arbeitnehmer nicht ohne Weiteres gekündigt oder versetzt werden kann.

Mobbingopfer, Personalverantwortliche und Arbeitgeber können sich von Klaus Stemmler beraten lassen. Er ist erreichbar unter Telefon: 06033-9289990 oder via E-Mail: bewusst.leben@t-online. de. Weitere Infos gibt es auf seiner Internetseite www.bewusstes-leben-aktiv-gestalten.de oder auf der Seite des Vereins: www.vpsm.de



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